ALS JUNGER MENSCH AUF DER FLUCHT

Die Gründe, warum Menschen in ein anderes Land flüchten, sind vielseitig. Häufig sind es Kriegssituationen, der Mangel an Arbeitsplätzen und Bildungsmöglichkeiten sowie politische und religiöse Verfolgung.

Oftmals verlassen Familien gemeinsam ihren Herkunftsort, werden auf der Reise aber voneinander getrennt. Wenn das Geld nicht für alle ausreicht oder die Familie aus z.B. gesundheitlichen Gründen nicht zu der Flucht fähig ist, wird der älteste Sohn losgeschickt. Dieser soll der Familie mit Hilfe des Familiennachzugs eine sichere Einreise ermöglichen.

Während 2015 noch knapp 59.600 minderjährige Ausländer in Deutschland vom Jugendamt in Obhut genommen worden sind, ist die Zahl im Jahr 2019 auf knapp 11.200 gefallen. In den vergangenen Jahren kamen die meisten Jugendlichen aus Afghanistan, Eritrea, Somalia, Syrien, dem Irak und Guinea.

Weil sich die Situation in einigen Regionen dieser Länder beruhigt haben soll, werden sie als sicher eingestuft, was die Chancen auf ein Bleiberecht verringert und somit eine Abschiebung ab der Volljährigkeit bedeuten kann.

Ich habe Saad, der mit fünfzehn Jahren nach Deutschland gekommen ist, in einem Café in Berlin Schöneberg getroffen und gefragt, ob er mir Einblicke in diese Zeit geben kann.

ALEPPO

Saad ist 1999 geboren und wuchs mit drei Geschwistern und seinen Eltern in Aleppo auf, einer Stadt im Norden Syriens. Sein Vater sowie sein Onkel waren in einer Partei tätig, die sich gegen das Regime von Assad einsetzt, was dazu führte, dass beide zeitweise im Gefängnis saßen.

Während sich die Situation in Syrien verschlechterte, erhielten sie vermehrt Drohungen. Als es in regelmäßigen Abständen zu Stromausfällen sowie Defiziten in der Lebensmittelversorgung kam, verließen sie 2011 das Land. Ein Monat nach ihrer Abreise erstreckten sich die Konflikte, die bereits in vielen Teilen Syriens herrschten, auch auf Aleppo.

TÜRKEI

Mit dem Auto fuhr die Familie an ihren neuen Wohnort İskenderun in der Türkei, wo Saad die nächsten vier Jahre seines Leben verbrachte und erste Arbeitserfahrungen in einer Konditorei sammelte. Um die schulischen Perspektiven ihrer Kinder zu verbessern, beschloss die Familie, Saad und seine Schwester nach Deutschland zu schicken, begleitet von ihrem Onkel.

Die Trennung war für die ganze Familie eine schmerzhafte Erfahrung. Zu den Transportmitteln zählten das Flugzeug, das Schiff, der Bus und das Taxi. Einige Strecken liefen sie zu Fuß, darunter besonders Grenzübergänge.

Der Weg nach Deutschland variiert, je nachdem, aus welchem Herkunftsland man kommt. Während Menschen aus dem asiatischen Kontinent oft die Balkan-Route wählen, führt die Reise aus Afrika über das Mittelmeer.

BERLIN

Als sie in Berlin ankamen, meldete er sich mit fünfzehn Jahren beim Jugendamt und wurde für vier Monate in einer Notaufnahmestelle aufgenommen, danach kam er in eine Wohngemeinschaft für unbegleitete minderjährige Ausländer. Seine Schwester und sein Onkel lebten in einer Wohnung, die ihnen Freunde zur Verfügung stellten.

Mit Hilfe von Sozialpädagogen konnte Saad seine Schullaufbahn fortsetzen und erhielt Unterstützung u.a. mit dem Verfahren des Flüchtlingsstatus sowie der Familienzusammenführung.

“Zwischen fünfzehn und achtzehn kann man nicht schneller erwachsen werden, als durch das Alleinsein.”

DAS FAMILIENBILD

Zuhause bei der Familie wurde Saad stets von der Geborgenheit der Mutter sowie der Geschwister empfangen. Hatte er Hunger, stand ein warmes Essen für ihn bereitet, ebenso ein aufgeräumtes Zimmer.

Seine Mitbewohner in der neuen Unterkunft haben den Wunsch nach Geborgenheit teilweise aufgefangen, dennoch konnten sie die Familie nicht ersetzen. Tätigkeiten wie Schulaufgaben, Kochen und Saubermachen mussten nun eigenständig von ihm erledigt werden.

Seine neuen Freunden, die er in der Sprachschule kennenlernte sowie eine langjährige Beziehung mit einer deutschen Freundin haben ihm stark dabei geholfen Deutsch zu lernen.

Seine Schwester und sein Onkel haben in der weiteren Erziehung von Saad versucht die Elternrolle einzunehmen, dennoch hat es ihm teilweise an Strenge gefehlt, so seine Aussage.

Wenn die Worte der Eltern gefragt oder die Sehnsucht groß war, konnten sie miteinander durch Videotelefonate kommunizieren. Anders haben es viele Jugendliche, die aus Regionen stammen, in denen es an technischen Mitteln fehlt. Für diese bricht der Kontakt mit den Eltern für eine unvorhersehbare Zeit ab.   

Während der Jahre in der Wohngemeinschaft konnte Saad den mittleren Schulabschluss erwerben und erhielt einen anerkannten Flüchtlingsstatus, was die Familienzusammenführung ermöglichte. Somit konnten seine Eltern mit dem kleinsten Bruder legal nachreisen. Sein älterer Bruder blieb aus beruflichen Gründen in der Türkei.

Die Freude sich wieder in den Armen zu liegen war groß. Vorübergehend hat die Familie eine Einraumwohnung gefunden, in der sie zu fünft zusammenleben. Saad schreibt bald seine Abiturprüfungen und überlegt, welchen Karriereweg er danach einschlagen möchte.   

Dadurch, dass er seit fünf Jahren in Deutschland lebt, ist er mit den Strukturen, der Kultur und der Sprache vertraut. Er fungiert als Botschafter der Familie, übernimmt die Bearbeitung von Dokumenten und ergreift teilweise die Führungsrolle, die früher ausschließlich die Eltern innehatten.

Trotz der Rollenverschiebung versucht Saad die typische Familienstruktur soweit es geht aufrecht zu erhalten. An einen Auszug mit jetzt zwanzig Jahren, so wie viele andere in seinem Alter, denkt er nicht nach. Momentan genießt er das Zusammenleben. Zudem sei es in syrischen Familien die Regel, erst auszuziehen, sobald man verheiratet ist.

DIE RÜCKKEHR NACH SYRIEN

Für Saad fühlt es sich so an, als ob er seit einer Ewigkeit in Deutschland lebt. Die Vorstellung nach Syrien zurückzukehren fällt ihm schwer. Anders ist es bei seinem Vater, der Syrien nie verlassen wollte, sondern diese Entscheidung zum Wohle der Familie getroffen hat.

Saad vermutet, dass seine Eltern sowie weitere Teile seiner Familie wieder in Syrien leben werden, sobald sich die Lage stabilisiert hat und politische Klarheit herrscht.

Er beobachtet diesen Wunsch auch bei anderen Eltern von geflüchteten Jugendlichen und begründet es damit, dass diese mit ihrem Heimatort sehr verbunden sind, einem Ort, an dem sie immer lebten und eigentlich immer leben wollten.             

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